re:move — oder der Versuch einer re:publica-Perspektive

Ich war auf der re:publica11.
Ich habe mich gefreut wie ein Kind, als ich das Ticket gekauft habe.
Endlich sollte es mal klappen, nachdem ich das Event in den letzten Jahren immer nur am heimischen Bildschirm verfolgen konnte und mich ärgern musste nicht dagewesen sein zu können.

Was ist die re:publica

Die re:publica ist sowas, wie das Klassentreffen der selbsternannten Internet-Elite. Wer da ist bloggt, twittert und facebookt, hat dabei mindestens 2.000 Follower, oder zumindest eine gute Ausrede, warum er die nicht hat. 😉
Inhalt des Treffens (so hatte ich es zumindest verstanden) war neben dem allgemeinen „Sag mal kenn ich Dich nicht aus meiner Twitter-Timeline“ vor allem eine Bestandsaufnahme des Web2.0 und — noch wichtiger — eine Perspektiventwicklung für das nächste Jahr(-zehnt).

Was ich erwartet habe

Die erste Enttäuschung kam mit dem Durchgehen des Programms. Im Gegensatz zum letzten Jahr waren weniger bekannte Netzidole auf dem Schedule. Kein Jeff Jarvis, kein Peter Kruse, kein Udo Vetter, keine Kathrin Passig. Die Session-Titel waren im Wesentlichen nicht besonders spannend (für mich?!). Viele der Beschreibungen ließen schon eine Werbeveranstaltung vermuten.
Dennoch habe ich mich gefreut hin zu fahren. Ich wollte den Spirit mitnehmen, der in den letzten Jahren in meiner Timeline kolportiert wurde. Vielleicht auch den einen oder anderen wieder sehen und ein paar neue Leute kennenlernen, aber das steht für mich nicht im Vordergrund. Wenn ich eine Konferenz besuche, dann möchte ich inspiriert werden und etwas neues Lernen, zumindest aber zu neuen, eigenen Ideen angeregt werden.
Ich dachte, dass das sicher trotzdem kommen wird.

Warum kam es doch anders, als ich dachte?

Ganz ehrlich: Die re:publica11 war das Geld nicht wert (Okay, lag vielleicht auch an meiner Session-„Wahl“… Dazu noch mal später). Die Eröffnung war, wie Eröffnungen meist sind: langweilig. Der erste Speaker feuerte ein gelangweiltes Werbefeuerwerk ab. Ich habe kaum etwas mitnehmen können.
Danach war ich im Open Data Slot. Ein schönes WrapUp, mehr nicht. Hier war nichts neues dabei. Ja, OpenData ist wichtig. Ein paar einschlägige Beispiele, viel mehr kam dabei aber auch noch nicht rum.
Also noch Mal hin den Hauptsaal. Hier wieder Werbung. Der Titel war gut „Wie Schwärme Marken, Märkte und Machtgefüge verändern“. Das war es aber auch schon. Die gebrachten Beispiele waren alt, ich vermute mal, dass 99% der Anwesenden sie kannten. Was ich mitgenommen habe: Lichtblick ist ein ganz toller Energieversorger. Die haben sogar ein Blog. Zum Thema Schwärme und Märkte war, soweit ich das gehört habe nichts dabei.
Also wieder zurück zu Open Data und Journalismus. Hier gab es ein paar konkrete Einblicke in das Alltagsleben von datengetriebenem Journalismus. Wo finde ich Daten? Wo sind die Probleme? Was kann man damit machen? Das war nett, Begeisterung wollte sich bei mir aber nicht so richtig entwickeln.
Ich könnte hier weiter machen, die folgenden Tage waren nicht besser, aber ich lass das mal.
Stattdessen:

Was waren denn tolle Sessions?

Steffen Hoellein: Information, Gestalt und Prognosen zum Leben von morgen

In der Session berichtete Steffen Hoellein aus seinem Leben als Künstler. Mit Energie. Was hat ihn geprägt? Warum? Wie motiviert er sich? Und wie schafft er es immer wieder von neuem Lernen zu wollen. Wow. Das war extrem unterhaltsam. Das hatte Mehrwert (vielleicht werde ich doch mal in einem Bild sehen können, was ich daran toll finde…). Das war inspirierend. Für mich die tollste Session der re:publica.

Sandro Gaycken: Cyberwar und seine Folgen für die Informationsgesellschaft


Der Vortrag wird Cyberwar als neue Variante des Krieges erläutern, seine spezifischen Strukturen und Probleme schildern sowie seine Entwicklung in den nächsten Jahren vorzeichnen. Davon ausgehend werden einige Folgen für die Ideologie(n) wie die Realität der Informationsgesellschaft erwogen. Der Konflikt zwischen der Freiheit des Netzes und der politischen Manipulation von Wissen und Meinen durch Information Operations und Perception Management soll besonders hervorgehoben werden.


Ich bin durch Zufall in die Session geraten. Und das war gut so. Toller Vortrag, tolle Folien, neues Wissen. Wo sind Angriffsvektoren in der digitalen Kriegsführung. Das Einzige, was noch etwas breiter hätte ausgerollt werden können wäre das Thema assymetrische Bedrohung gewesen. Auf der anderen Seite: Der Vortrag war so schon mit einer Menge KnowHow gespickt und man muss den Zuhörer ja nicht überfordern mit sehr unterschiedlichen Themen. Ich fühle mich auf jeden Fall sauber informiert über den aktuellen Status digitaler Kriegsführung. Danke.

Blogger_innen im Gespräch

Bei der Session hatte mich das Gender Gap schon so demotiviert, dass ich eigentlich nicht hingehen wollte. Bis Julia Probst [Twitter] mich darauf hinwies, dass sie zu sehen sein wird. Über die anderen drei Panelteilnehmer will ich kein Wort verlieren, aber Julia war klasse. Wer sie nicht kennt: Julia kann Lippenlesen und bietet einen Lippenlesenservice für Fußballspiele und Interpretation von Körpersprache bei politischen Reden. Ein Energiebündel auf der Bühne, die mit einer Freude erzählt. Klasse. Schade, dass es nicht geklappt hat sich Abends noch mal zusammen zu setzen.

Spaß-Sessions

Schön waren auch die Fun-Sessions in Tagesrandlage: Sascha Lobo hat rumgetrollt:

Sascha Lobo – Trollforschung from Christian Cordes on Vimeo.

Eine Twitterlesung der Twitkrit-Macher. Nicht jeder Witz hat gesessen, aber wie auch bei Sascha Lobo führt die pure Anzahl der Sprüche dazu, dass man gut unterhalten wird.
Und eine Bootsfahrt gab es auch noch. Die Spree rauf und runter. Im Sonnenschein. Ein schöner Ausklang.

re:think: Was besser werden muss, damit ich auch 2012 komme

Ich bin ein anspruchsvoller Konferenzgast. Schließlich zahle ich dafür. Was also kann / muss konkret besser werden?

re:organize: Raumressourcen geplant alloziieren

Die Organisation war phasenweise gruselig. Raumnot, fehlendes Internet, fehlerhafte Kommunikation.
Zur Raumnot haben sich genügend andere ausgelassen. Insgesamt waren es zu viele Gäste für zu wenig Platz. Überall war Gedrängel. Security-Kräfte waren wirklich notwendig. Auf einer gesitteten Veranstaltung finde ich das extrem hart. Es war ja kein Fußball-Derby, keine Anti-irgendwas Demo und auch kein Boyband-Konzert.
Ich konnte etwa 1/3 der geplanten Sessions nicht besuchen, weil die Räume überfüllt waren.
Abhilfe: Anmeldung für die einzelnen Sessions. Den Verbindlichkeitsgrad der Anmeldung kann man diskutieren, aber es hilft, dass nicht die Sessions mit dem größten Interesse in den kleinsten Räumen stattfinden
Sebastian meinte dazu:


Durch die vielen Besucher in diesem Jahr kam es duisburgartigen Szenen und sehr vielen Teilnehmern, die nicht die Session ihrer Wahl sehen konnten. Das ist wirklich kein tragbarer Zustand, hier ist ganz dringend Handlungsbedarf. Ich möchte übrigens nicht wissen, wer die Räumlichkeiten für das Event freigegeben hat. In meinen Augen war das auch zunehmend ein Sicherheitsproblem, was nur durch den Zufall, Ordner und halbwegs gesittete Teilnehmer nicht im Ernstfall endete.

re:think: Themen und Thementiefe

Ich find es toll, dass ein breites Spektrum an Themen abgedeckt werden soll. Aber vielleicht ist es sinnvoll thematisch nicht nur an der Oberfläche zu kratzen, sondern tief ein zu springen. Nicht alle gehen zur re:publica, um Klönschnack zu halten. Vorträge ohne Tiefgang sind Zeitverschwendung und dafür ist mir meine Zeit zu schade.
Wo wir gerade bei Zeit sind. 90% der Vorträge waren Rückschau. 10% Unterhaltung. 0% Ausblick. Was wird in Zukunft passieren? Wo ist das Internet in 1, 5, 10, 15 Jahren? Prognosen sind schwierig, weil sie die Zukunft betreffen. Na und? Ohne Vision keine Inspiration, keine Veränderung.
Bei den Themengebieten muss wahrscheinlich einmal gründlich nachgedacht (und abgestimmt?!) werden, welche Themen wie viel Raum erhalten sollen. Nur mal als Anregung.

Malte schrieb dazu:

Für meinen Geschmack jedenfalls waren viele Inhalte (ich kann natürlich nur von denen sprechen, die ich aufgrund der widrigen Umstände mitkriegen konnte — und erspare mir die Auflistung, weil ich auch niemanden dissen möchte) zu rückwärtsgewandt, Internet-Archäologie quasi, sprich: Zu viel was war, zu wenig was wird. Oder sie kamen jedenfalls um eine Grundeinführung nicht hinaus. Wirklich Neues, Denkanstößiges oder Überdentaghinausdauerndes habe ich leider kaum mitgenommen.

Woanders las ich:

Manche Vorträge waren schlicht so nichts sagend, unstrukturiert und uninspiriert, dass es geradezu frech war, diese im Rahmen eines – naja – Fachkongresses überhaupt anzubieten.

Was bleibt?

Eine Konferenz mit viel Gedrängel, wenig Inspiration, kaum neuem Wissen und ein paar netten Kontakten. 3 tolle Vorträge an 3 Tagen. Das ist zu wenig. Was bleibt ist Frust.

re:move. Hinsetzen. Augen reiben, nachdenken, neu planen. Gas geben. Mehrwert schaffen. 2012.

13 Responses to re:move — oder der Versuch einer re:publica-Perspektive

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  2. Deine Kritik erinnert mich an mein letztjähriges Erlebnis auf dem BarCamp Hamburg ’10 …

  3. Pingback: re:trospektive: re:infall re:publica - Stecki's Blog

  4. Pingback: Gesammelte Reaktionen zur re:publica 2011 – #rp11

  5. Hab also nichts verpasst auf der republica.

    Bin im Mai auf der NEXT in Berlin. Bin da auch mal gespannt, da ich auch zum ersten Mal da sein werde. Mal schauen, ob es da gehaltvoller und visionärer zugehen wird … .

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