Stadtmarketingtag Schleswig-Holstein

Gestern war ich beim Stadtmarketingtag Schleswig-Holstein. Veranstaltet wurde der Tag vor allem von der IHK Schleswig-Holstein und der cima. Dabei waren aber auch noch andere – Siehe Einladung (PDF).

Nach der Ankunft gab es zuerst einen netten Imbiss, bei dem ich die Gelegenheit hatte mit Mitarbeitern der Stadt Wedel über PACT-Initiativen zu sprechen. Dazu kam dann – auch mit einem Teller lecker Imbiss bewaffnet – Monika Siegel, eine Projektberaterin, die sich mit der Beratung von PACT-Projekten selbstständig gemacht hat. Das Ganze war eine sehr nette Einstimmung auf das folgende Programm, das wie häufig bei solchen Konferenzen aus Stillsitzen und Zuhören bestand.

Immerhinsollte es 10 Referate über unterschiedlichste Teilbereiche des Stadtmarketing geben.

Neue Wohnformen
Gleich der erste Referent überzog sein Zeitkontingent mit einem spannenden Referat über Wohnformen und moderne Wohnprojekte. Dr. Dankwart Guratzsch, Redakteur bei der Welt, sprach über die „neue Lust an der Stadt“. Seine These: Die Menschen zieht es von der grünen Wiese zurück in die Innenstadt. Stadtentwicklung müsse darauf reagieren und günstige Mischgebiete (Wohnen, Kaufen, Arbeiten) bereitstellen, die den Bauherren viel Raum für Individualität lassen. Es war ein plastischer Beitrag mit vielen Beispielen. Alle legten Wert auf Individualität. Weitere Gemeinsamkeit: Geringe Grundfläche der Grundstücke + Drei- bis Viergeschossigkeit um Bauen auch für junge Familien interessant zu machen.

Familien werben, gute Analysen vornehmen!
Im Anschluss gab es ein Referat der Bertelsmann-Stiftung über die Möglichkeiten ihres statistischen Materials und wie wichtig es sei die IST-Situation einer Gemeinde auch statistisch sauber zu erfassen und zu analysieren, bevor man sich auf konkrete Stadtmarketingkonzeptionen auf Basis „gefühlter Zielgruppen“ stürzt. Carsten Große Starmann ergänzte die Ausführungen von Dr. Guratzsch mit der Anmerkung, dass der Trend zurück in die Stadt nur gefühlt sei. – Das liege allerdings nicht daran, dass die Nachfrage fehle, diese sei empirisch belegbar. Der Trend sei nur gefühlt, weil die Städte keine passenden Angebote vorhalten würden. Wichtig sei vor allem das Werben um Familien durch die Städte, da diese nicht nur die demographische Entwicklung aufbrechen würden, sondern vor allem wichtig seien, damit sich ältere (Neu-)Bürger in der Kommune wohlfühlen würden. Eine These, die ich nur unterstützen kann. Genau wie sein Schlussplädoyer, dass man sich als Stadt für Maßnahmen dringend „private“ Verbündete suchen müsse und die urbane Kultur beleben müsse. Dazu gefiel mir seine positive Sichtweise: „demographische Entwicklung als Chance sehen.“
Seine Werbung für die Online-Angebote der Bertelsmann-Stiftung Wegweiser Kommune, Demographie konkret und Demographie Workshop empfand ich eigentlich als überflüssig. Ich hatte damit gerechnet, dass den Anwesenden diese Angebote bekannt sein sollten. Die Reaktionen mancher Teilnehmer zeigten aber, dass dies nicht der Fall war.

Preise zu hoch?
Oliver Behrens von der GMA – Gesellschaft für Markt-
und Absatzforschung mbH
referierte über Wandel im Einzelhandel und Probleme Einzelhandel in der Innenstadt zu platzieren. Hauptprobleme seien vor allem in kleineren Städten die Preisvorstellungen der Vermieter, die sich an den 90er Jahren orientieren würden und nichtmehr realistisch seien, sowie in dem zu geringen Quadratmeterangebot je Laden. Stadtmarketing sei vor allem gefordert dies den Vermietern in ihrer Gemeinde klar zu machen.

Landesentwicklungsplan
Vor der Pause kam als Vertretung für Innenminister Lothar Hay (Der sich gerade mit dem Landesentwicklungsplan zurückrudern und sich mit dem Wahltermin zur Landtagswahl in die Nesseln setzen musste und darum nicht kommen konnte) Kurt Püstow, Leiter Landesplanung und Vermessungswesen im Innenministerium. Er hielt eine Werberede auf Begrenzung von Entwicklung und Stärkung der Städte, wofür der ländliche Raum dann halt bluten müsse (Nein, wörtlich hat er das so nicht gesagt.). Mein Nebenmann kommentierte eine Rede, die alle auf den Kaffee warten ließ mit einem Wort:

Ministerialbürokrat.

Wäre ich nicht wegen des Inhaltes so sauer gewesen wäre ich wohl auch weg genickt. 😉

Teil 2: Marketing
Nach der Kaffeepause (die aufgrund des Zeitplanes gekürzt wurde, aber immerhin nicht wie die Zweite komplett gestrichen wurde) sollte es konkreter werden. Nach den Referaten, die sich eher mit Stadtentwicklung beschäftigten sollte es jetzt stärker um die Marketingseite gehen.

Für jeden etwas. + langfristige Planung
Das nächste Referat war äußerst unterhaltsam. Klaus Mensing von convent mensing hielt einen launischen, aber inhaltlich hervorragenden Vortrag. Seine Hauptthese war, dass eine Stadtmarketing-Strategie sich zwar auf eine Zielgruppe spezialisieren müsse, aber niemanden Ausgrenzen dürfe. Sein Bild dazu:

Nennen Sie den Senioren-Teller nicht Senioren-Teller, Nennen Sie den Kinder-Teller nicht Kinder-Teller. Nennen Sie beide Fitness-Teller, damit gewinnen Sie alle!

Das gelte nicht nur für die Werbung, sondern auch für die Entwicklung der Stadt. Projekte müssen demographiefest (ergo generationenübergreifend) gedacht werden. Er lieferte darauf ein Beispiel: Ein demopraphiefester Spielplatz. Ich fand das einen beeindruckenden Ansatz, auch wenn ich gerade im Bereich Bewerbung etwas anderer Auffassung bin. Ich glaube, dass eine gute Zielgruppenansprache notwendig ist und man nicht immer Rücksicht auf Allgemeingültigkeit nehmen kann. Insgesamt darf sich durch eine Strategie aber niemand ausgegrenzt fühlen. Gut fand ich auch seinen nächsten Ansatz von Wohn- und Geschäftsgebieten einer Kommune eine Übersicht anzufertigen, welcher Landeninhaber/Anwohner wie alt ist und ob er Nachfolger hat. Dadurch ist es möglich auf Leerstände zu reagieren, bevor sie wirklich eintreten. Auch das lässt sich in der Realität aber nur mit einer guten Kooperation aller Stadtmarketingakteure realisieren, ohne dass es böses Blut gibt. Gut war auch sein letzter Aufruf zu einer glaubwürdigen Kommunikationsstrategie. Für mich war dies das beste Referat des Tages!

Konkret: 9 Ideen des Stadtmarketing aus Schleswig-Holstein
Manuela Kase und Dirk Matthiesen von der bundesvereinigung city und stadtmarketing e.V. – Landesverband Schleswig-Holstein stellten nun einige Projekte einzelner am bcsd beteiligter Kommunen vor, die sie spannend oder für nachahmenswert hielten. Eine Offenbarung waren diese Projekte nicht, aber gute Ansätze zum selber weiterdenken. Auch hier wurde deutlich: Ohne Kooperationspartner geht nichts und sollte wohl auch nichts gehen. Die vorgestellten Projekte waren:

  • Samstagskinderbetreuung in Elmshorn: Eltern können in Ruhe einkaufen, Kinder werden professionell betreut. Unternehmen haben derzeit den Mehrwert wohl noch nicht erkannt.
  • Zukunftswerkstatt Schulwegsicherung in Norderstedt: Projekte laufen schon lange, Drittklässler dokumentieren gefährliche Ecken, Stadt gleicht mit Polizeistatistiken ab und behebt Probleme via Bauleitplanung, etc.
  • „Made in Norderstedt“: Neugeborene werden mit T-Shirt begrüßt. Nette Idee mit sehr großem Presseecho. Auch wenn ich mich gefragt habe, ob man auf die Shirts nicht besser hätte „born in Noderstedt“ schreiben sollen. 😉
  • Sandkiste Holstenplatz: Kinderbetreuung in den Sommermonaten direkt in der Innenstadt. Gute Aktion, aber wohl nur ab einer kritischen Masse realisierbar, die in Stormarn keine Stadt haben dürfte.
  • Segelcamp an der Kieler Förder: Sehr efolgreiche Aktion, aber sehr teuer. Wir haben Stormini. 😉
  • Mehrgenerationenhaus Brunsbüttel: mag zwar erfolgreich sein, ist für allerdings so noch kein Stadtmarketing, sondern müsste in eine Gesamtstrategie eingebunden werden.
  • Kinder- und Familienweihnachtsmarkt Lübeck: Ein schönes Projekt, das im letzten Jahr im Lübecker Umland von der Presse aufmerksam begleitet wurde. Auch hier gilt: kritische Masse.
  • Stadtplan für Kinder- und Jugendliche Heide: Hier kann man als Ahrensburger nur milde lächeln. Die Kinderstadtpläne des Stadtjugendrings Ahrensburg sind einfach großartig. Heides Plan wirkt ein wenig unübersichtlich, da ein „normaler“ Stadtplan zugrunde gelegt wurde. Dennoch: In eine Stadtmarketing-Konzeption mit dem Schwerpunkt „familienfreundliche Stadt Heide“ gehört ein Kinderstadteilplan mit Kinderspezifischen Sympboliken und Hinweisen. Der Plan selbst scheint nach dem, was ich gesehen habe aber wie angedeutet in der Umsetzung noch „ungehobenes Potenzial“ zu haben.
  • City Spielzeile Heide: Hier wurde ein Wasserspiel in die Mitte der Innenstadt installiert. Mit viel Kreativität wurde hier ein Spielzeug für Kinder zum Anfassen und erleben geschaffen. Es ist gut angenommen und soll Kindern nicht nur Erlebnis, sondern vor allem eine Verbindung zur Stadt Heide schaffen. Ähnlich wie unser Ahrensburger Muschelläufer. 😉

Wie geschrieben: Einige dieser Ideen finde ich sehr gut. Direkt übertragbar auf eine andere Kommune ist keine dieser Ideen. Es ist immer zu beachten, welche Strukturen sich vor Ort entwickelt haben und wem man mit einem Angebot vielleicht auf den Schlipps tritt, oder welcher Kooperationspartner in einer Stadt fehlt, der in einer anderen Stadt das Projekt zum Erfolg gemacht hat. Dennoch war diese Übersicht eine schöne Liste mit Anregungen für den Hinterkopf, mit der man sich hinsetzen muss und die man selbst weiterentwickeln muss.

Soziale Randgruppen
Beim nächsten Referat wurde es Still im Raum. Allerdings nicht wie bei Herrn Pützow vor Langeweile, sondern weil Hauptpastorin Kirsten Fehrs von der St. Jacobi-Kirche über den Runden Tisch ihrer Kirche in Hamburg berichtete. Der City-Einzelhandel und alle anderen Gruppen treffen sich regelmäßig um der Problematik der Obdachlosen in der Hamburger City zu besprechen und zu überlegen, wie man damit umgehen kann. Im Vordergrund steht dabei nicht ein Verdrängen der Obdachlosen, sondern Hilfestellungen zu bieten und einen Dialog mit den Obdachlosen zu finden, damit diese nicht während der Geschäftszeiten Kunden stören. Ihr Bericht war beeindruckend. Nicht nur wegen der Probleme von denen Frau Pastorin Fehrs sprach, sondern vor allem wegen der Erfolge, die dieser Runde Tisch schon habe realisieren können.
Auch wenn das Thema im ersten Moment nicht nach Stadtmarketing aussieht. Das ist wirklich tolles Stadtmarketing. Die tollste konkrete Aktion des Tages.

Bündnis für Sauberkeit
Thorsten Geißler, Innensenator der Hansestadt Lübeck stellte seine Initiativen für ein sauberes Lübeck unter dem Label „Bündnis für Sauberkeit“ vor. Lübeck unternimmt viele Aktionen, um die Stadt sauber zu bekommen/zu halten. Aschenbescher, Taschen-Aschenbecher auf der Lübecker Woche, Reinigungstrupps, Graffiti-Entfernung, Werbung um das Anlliegen bei den Bürgern und so weiter und so weiter. Das Referat war ordentlich und zeigte viele Ideen, die man auch andernorts umsetzen könnte.

Letzter Vortrag: Seniorensiegel:
Markus Jocher aus Neuburg (Bayern, nähe Ingolstadt, 28.000 Einwohner) berichtet von einer Stadtmarketingaktion, die offensichtlich viel Aufsehen im letzten Jahr erregt hat. Das Seniorensiegel. Der Seniorenbeirat zertifiziert seniorenfreundliche Unternehmen. Der Gedanke Seniorenrabatte einzuführen wurde verworfen. Man wollte sich über Qualität und nicht über Preis vom Umland abgrenzen. Ein Gedanke, der mir sehr sympathisch ist. Neben Handelsunternehmen, von denen inzwischen über 40 ausgezeichnet sind werden jetzt auch Bewertungsbögen für Gastronomie und Handwerk entwickelt. Das Interesse auf Unternehmensseite an dem Siegel ist groß, denn es ist klar, wem als Unternehmen Seniorenfreundlichkeit objektiv bescheinigt wird, der wird wohl kaum kinder- oder familienschädlich sein. In Ahrensburg könnte ich mir so etwas auch gut vorstellen, befürchte allerdings, dass der Seniorenbeirat der Stadt damit überfordert/überlastet wäre.

Fazit
Alles in allem war das eine lange, anstrengende aber sehr gute Veranstaltung. Die Gespräche am Rande waren gut. Die Referate deckten ein breites Spektrum ab und für mich gab es nur ein Referat, dass mich gänzlich nicht interessiert, auch wenn ich naturgemäß, da aus der Marketingecke kommend, den zweiten Teil spannender fand, als den stadtentwicklungsorientierten ersten Teil.

Deutlich geworden ist auch: Aus Ahrensburg war außer mir niemand da. Schade, gerade Ahrensburg hätte viel mitnehmen können. Vor allem das Fehlen eines Leitbildes für das Ahrensburger Stadtmarketing, einer vernünftigen Strategie hätte einem durchaus auffallen können.

3 Responses to Stadtmarketingtag Schleswig-Holstein

  1. Die ewige Suche nach einem guten Stadtmarketing. Wie viel Personal ist dafür in den Rathäusern notwendig und wie lässt sich der Erfolg der Maßnahmen messen? Vor allem das „Was bringt uns das?“ lässt immer die alten Debatten über Sinn und Zweck wieder aufbrechen.

  2. Ich finde die Fragen lassen sich mit einem entschiedenen „Kommt drauf an“ beantworten.

    Klar ist: Niemand ist gezwungen Stadtmarketing zu machen. Allerdings scheint es unter der Bedingung von Wettbewerb um Unternehmen und auch um Bürger sinnvoll Werbung für das Wohnen, Arbeiten und Einkaufen in der Stadt zu machen.

    Aber richtig ist auch: Stadtmarketing bringt erstmal nichts. Erfolge stellen sich langfristig ein.

    Wieviel personal man braucht ist hoch unterschiedlich. Hängt wie oben genannt von den Strukturen in der Kommune ab.

    Aber ein paar Fragen zurück:
    1. Macht ihr Stadtmarketing?
    2. Seit wann?
    3. Gibt es eine langfristige Zielsetzung
    4. Gibts Highlights? Gelungene Aktionen
    und 5.: Ist Stadtmarketing Deiner heutigen Meinung nach erfolgreich?
    Ach ja: Wie viele Leute setzt Ihr ein?

  3. Antworten:
    1. Ja, seit 2000 haben wir eine Stabsstelle beim OB für Stadtmarketing/Citymanagement/Wirtschaftsförderung. Allerdings hat sich dies durch die Schwerpunkt-Setzung der Stelleninhaberin stark auf Wirtschaftsförderung verlagert
    2. sie 1
    3. Aufgaben sind beschrieben, die Umsetzung ist nicht immer klar, Zielsetzungen fehlen. Aber dafür hatten wir bisher schon zwei Gutachten, zudem einen Stadtmarketingsprozess mit Samstags-Foren für die Bürger (2000/2001), wobei die Anregungen eher versandeten
    4. Wir haben einen aktiven Gewerbe-, Handels- und Verkehrsverein (GHV) mit Veranstaltungen wie dem „Mühlacker Frühling“ und dem Martini-Markt, Kundencard (Mühlackercard, die sehr gut läuft). Nach dem letzten Gutachten gibt es bei der Stadt einen Wirtschaftsbeirat, der zweimal im Jahr tagt
    5. Erfolg? Imagepflegend für die Einkaufsstadt sind die Dinge schon. Jetzt will der GHV einen Citymarketing-Verein unter finanzieller Beteiligung gründen, der einen Citymanager anstellt, was Zeichen dafür ist, dass der bisherige Erfolg doch noch nicht als ausreichend angesehen wird. Hier befinden wir uns im Diskussionsprozess
    5. Die Stadt hat eine Stelle. Der GHV macht vieles ehrenamtlich, bezahlt eine Hilfskraft

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